Polyworking: Warum immer mehr Deutsche zwei Jobs brauchen, um zu überleben
Eberhard KuhlPolyworking: Warum immer mehr Deutsche zwei Jobs brauchen, um zu überleben
Mehrfachbeschäftigung ist für viele deutsche Mittelschichtangehörige zur Normalität geworden. Angesichts explodierender Mieten und stagnierender Löhne ist mittlerweile jeder zweite Mensch zwischen 26 und 41 Jahren auf mindestens einen Nebenjob angewiesen, um über die Runden zu kommen. Der Trend spiegelt die wachsenden Schwierigkeiten wider, sich in einem zunehmend prekären Arbeitsmarkt die grundlegenden Lebenshaltungskosten leisten zu können.
In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Mieten in Deutschland nahezu verdoppelt – allein in Berlin stiegen sie um 69 Prozent. Viele Vollzeitstellen decken die essenziellen Ausgaben nicht mehr, sodass Arbeitnehmer:innen gezwungen sind, sich dem sogenannten „Polyworking“ zuzuwenden: dem gleichzeitigen Jonglieren mit zwei oder mehr Jobs. Die Anzahl der Teilzeitstellen ist seit 2020 um fast 69 Prozent angestiegen.
Eine Autorin, die mit zwei befristeten Redaktionsverträgen arbeitet, beschreibt eine zermürbende 50- bis 60-Stunden-Woche. Schlafmangel gehört mittlerweile zum Alltag, während soziale Kontakte nur noch über Sprachnachrichten und hastige Treffen aufrechterhalten werden. Freiberufliche Projekte häufen sich oft zusätzlich zur regulären Arbeitslast, sodass kaum noch Raum für Erholung bleibt.
Die wirtschaftliche Unsicherheit verschärft den Druck – drohende Entlassungen und mangelnde Jobgarantien tun ihr Übriges. Für viele ist Polyworking keine freiwillige Entscheidung, sondern schlichtweg Überlebensstrategie in einem System, in dem die Leistungsanforderungen die Löhne längst überholt haben.
Der Wandel hin zum Polyworking offenbart eine tiefgreifende Krise der Bezahlbarkeit und Arbeitsstabilität. Während die Lebenshaltungskosten steigen und Verträge immer prekärer werden, balancieren Arbeitnehmer:innen zwischen mehreren Tätigkeiten, um sich gerade noch über Wasser zu halten. Ohne grundlegende Veränderungen wird sich dieser Trend voraussichtlich fortsetzen – und das Leben und Arbeiten der Menschen in den kommenden Jahren nachhaltig prägen.






