31 January 2026, 14:47

Missbrauchsskandal im Kunstturnen: Wie ein System aus Angst und Schweigen zerbrach

Ein Schwarz-Weiß-Foto einer Frau in einem Einteiler, die Gymnastik auf dem Cover einer Zeitschrift macht, mit ausgestreckten Armen und gebogenen Beinen und dem Zeitschriftennamen in fetten weißen Buchstaben oben.

Missbrauchsskandal im Kunstturnen: Wie ein System aus Angst und Schweigen zerbrach

Ein flächendeckender Missbrauchsskandal erschüttert seit 2022 den deutschen Kunstturnsport. Vorwürfe wegen körperlicher und psychischer Misshandlung wurden erstmals laut, nachdem die Turnerin Meolie Jauch aufgrund mentaler Erschöpfung zurückgetreten war. Die Folgen des Skandals führten seitdem zu juristischen Schritten, Kürzungen der Fördergelder und strukturellen Reformen in der gesamten Sportart.

Der Skandal nahm seinen Lauf, als Jauchs öffentlicher Rücktritt eine Welle von Zeugenaussagen auslöste. Ehemalige Turnerinnen berichteten von Drohungen, Demütigungen und strafenden Trainingsmethoden. Einige behaupteten, sie seien mit Knochenbrüchen zum Wettkampf gezwungen worden, hätten Schmerzmittel einnehmen oder vorsätzliche Vernachlässigung erdulden müssen. Viele suchten später therapeutische Hilfe, um die langfristigen Traumata zu bewältigen.

Bereits 2021 hatte die Olympionikin Tabea Alt in einem Brief an Funktionäre über Missstände berichtet. Doch blieben unmittelbare Konsequenzen aus. Erst nach Jauchs Rücktritt wurde der Deutsche Turner-Bund aktiv, beauftragte eine externe Untersuchung und bildete einen Expertenrat. Teile der internen Ermittlungen wurden jedoch 2025 ausgestzt, nachdem die Staatsanwaltschaft eine Unterbrechung gefordert hatte.

Bis Februar 2025 hatten die Behörden ein Strafverfahren gegen drei Trainer eingeleitet, darunter Marie-Luise Mai und Giacomo Camiciotti. Der Verband hatte das Duo bereits Ende Januar entlassen, doch beide gewannen später ihre Klagen vor dem Arbeitsgericht. Die Staatsanwaltschaft prüft den Verdacht auf versuchte und vorsätzliche Körperverletzung sowie Nötigung durch Untätigkeit. Thomas Gutekunst, Leiter des olympischen Spitzensports, und Alfons Hölzl, ehrenamtlicher Präsident des Verbandes, bestreiten die Vorwürfe, stehen aber weiterhin unter Beobachtung.

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Das baden-württembergische Bildungsministerium reagierte mit verschärften Kontrollen bei der Mittelvergabe. Seit 2023 müssen Vereine in Stuttgart verpflichtende Integritätsprüfungen und externe Audits durchlaufen. Die direkten Zuschüsse an belastete Organisationen wurden zwischen 2023 und 2025 um 20 Prozent gekürzt, die freigewordenen Mittel flossen in Opferhilfe- und Aufsichtsprogramme.

Die Ermittlungen dauern Stand Dezember 2025 noch an, die juristischen Verfahren gegen Mai, Camiciotti und einen dritten, namentlich nicht genannten Trainer laufen weiter. Reformen bei der Finanzierung und strengere Kontrollen sind inzwischen umgesetzt, doch der Skandal hat tiefe Spuren im Sport hinterlassen. Viele Turnerinnen kämpfen weiterhin mit den Folgen jahrelangen mutmaßlich systematischen Missbrauchs.