07 May 2026, 12:28

Halberstadts verlorenes jüdisches Erbe und das DDR-Versagen einer echten Erinnerungskultur

Plakette auf einer Steinwand mit der Inschrift "Adolf Abraham".

Halberstadts verlorenes jüdisches Erbe und das DDR-Versagen einer echten Erinnerungskultur

Ein neues Buch von Philipp Graf untersucht die vergessene jüdische Geschichte Halberstadts und das problematische Verhältnis der DDR zu ihrer Vergangenheit. In „Verleugnetes Erbe“ zeigt der Autor, wie die antifaschistischen Politik der DDR trotz Überlebender und historischer Stätten versagte, jüdisches Kulturgut zu bewahren. Den Anstoß für die Recherche gab 2018 der umstrittene Verkauf eines Grundstücks, der in der Stadt alte Vorurteile wieder aufkeimen ließ.

Halberstadt war einst ein blühendes Zentrum des neorthodoxen Judentums. Zwischen 1938 und 1942 wurde die jüdische Gemeinde systematisch vernichtet. Den Auftakt dieser Auslöschung markierte 1938 die Zerstörung der Synagoge – wie der Historiker Martin Gabriel später festhielt.

Nach dem Krieg gab sich die DDR zwar antifaschistisch, tat aber wenig, um das jüdische Erbe zu würdigen. 1949 wurde am ehemaligen Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge ein Mahnmal eingeweiht. Doch bereits 1969 war es umgestaltet – nicht mehr als Ort der Trauer, sondern als Kulisse für politische Gelöbnisse, direkt über den Gräbern der Häftlinge errichtet. Die unterirdischen Stollen des Lagers wiederum wurden in den 1970er-Jahren als Militärdepot der Nationalen Volksarmee zweckentfremdet.

Jüdische Stimmen in der DDR wurden oft zum Schweigen gebracht oder getilgt. Die niederländische Widerstandskämpferin und Holocaust-Überlebende Lin Jaldati zog 1952 in die DDR. Nach dem Sechstagekrieg 1967 wurden ihre Auftritte aus dem Staatsfunk gestrichen. Autoren wie Peter Edel und Jurek Becker konnten zwar Romane mit Bezug zu jüdischem Leben veröffentlichen, doch blieben ihre Werke seltene Ausnahmen.

Grafs Recherchen belegen eine bittere Wahrheit: Zwar gab es in der DDR jüdische Menschen und Zeugnisse ihrer Kultur, doch eine echte Bewahrung des Erbes fand nicht statt. Die antifaschistische Rhetorik des Staates blieb meist leer – Halberstadts Geschichte blieb jahrzehntelang begraben.

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Der Verkauf der Rathauspassagen 2018 löste in Halberstadt Gerüchte über eine angebliche „Verschacherung an die Juden“ aus und offenbarten den fortbestehenden Antisemitismus. Grafs Buch zwingt nun zur Auseinandersetzung mit dieser verlorenen Vergangenheit. Ohne offizielle Anerkennung wären die Geschichten der jüdischen Gemeinde – und das Versagen der DDR – vielleicht für immer im Dunkeln geblieben.

Quelle